• Ann-Kathrin Crede, Gilles Chatelain

Drei Fragen an Prof. Dr. Christina Gravert


Die Erkenntnis, dass sich Menschen nicht immer rational verhalten, ist weit verbreitet. 1955 stellte Herbert Simon sein «Behavioral Model of Rational Choice» vor, in dem er das Bild des «Economic Man» infrage stellt. Knapp 20 Jahre später verhalfen Tversky und Kahneman mit „Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases“ der Thematik zu mehr Bekanntheit, Wohl nicht zuletzt dank anschaulichen Beispielen, mit welchen jede*r seine/ihre Irrationalität im Stillen überprüfen und erleben konnte. Der grosse Schritt in die Praxis und die strategische Anwendung von Behavioral Insights (BI) erreichten Thaler und Sunstein 2008 mit dem Buch «Nudge». Sie zeigten, wie der libertäre Paternalismus wohlwollend und problemlösend eingesetzt werden kann, oder besser gesagt «könnte». Denn, auch 75 Jahre nach «Bounded Rationality» und 12 Jahre nach «Nudge», sind BI in der DACH-Region kein allgemein bekanntes und weit verbreitetes Tool.


Aber was sind die möglichen Gründe, dass das Potenzial der BI in der DACH-Region bisher nicht ausgeschöpft wurde? Wir haben führende Verhaltensökonom*Innen gefragt. Heute: Prof. Dr. Christina Gravert


Christina Gravert ist Assistenzprofessorin an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Kopenhagen. Sie ist dem Center for Economic Behavior and Inequality (CEBI) angeschlossen, Co-Direktorin des Copenhagen Experimental Laboratory und Mitbegründerin von Impactually.



Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Behavioral Insights in der DACH-Region im Vergleich zu anderen Ländern (wie etwa GB) eher unbekannt sind?


Der Vorsprung Grossbritanniens hat meiner Meinung nach vor allem mit der Gründung des Behavioral Insights Teams zu tun. Es waren die richtigen Leute am richtigen Ort, um so eine neue Initiative zu kreieren. Durch die frühen Erfolge mit etwa dem Steuerexperiment, hat das BIT viel Aufmerksamkeit bekommen. Viele private Beratungen haben dann angefangen, die wachsende Nachfrage zu bedienen. Gleichzeitig haben mehrere Universitäten ihr Kurrikulum angepasst, um Verhaltensökonomen und Organisationspsychologen auszubilden. In Dänemark sind Behavioral Insights sehr beliebt und werden auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Bereichen angewendet. Der Grossteil der Verhaltensexperten wurde an der Universität Kopenhagen ausgebildet, die ein vergleichsweise grosses Angebot an Kursen zu dem Thema anbietet. Auch die Business School CBS hat viele Kurse und an beiden Unis sitzen Forscher, die mit der Regierung kooperieren. In Schweden verbinden die meisten Menschen den Begriff Nudging mit Nachhaltigkeit. Das kommt daher, dass die schwedische Naturschutzbehörde relativ früh Projekte in dem Bereich unterstützt hat.

Was müsste Ihrer Ansicht nach getan werden, um Behavioral Insights in der DACH-Region als weitläufig bekanntes und akzeptiertes Tool in der Praxis zu verankern?


Wie die Beispiele zeigen, hängt die Akzeptanz in einem Land auch davon ab, ob es gute Beispielprojekte aus dem Land gibt und wie diese kommuniziert werden. Weiterhin ist es wichtig, dass es genügend Menschen gibt, die in ihrem Studium wenigstens mal von dem Thema gehört haben und Nudging nicht nur aus den häufig negativen Schlagzeilen der Medien kennen. In Amerika sind Nudging und Behavioral Insights sehr stark mit finanziellen Themen wie Sparen oder Schulden verknüpft. Diese Bereiche sind in der DACH-Region weniger dringend als in den USA, weil sie bei uns ohnehin schon stärker reguliert sind. Nudging für die Altersvorsorge ist nicht ganz so wichtig wie in den USA. In Schweden ist Nachhaltigkeit das grosse Thema. Ich könnte mir vorstellen, dass in Deutschland z.B. Gesundheitsvorsorge ein wichtiges Thema ist. Aber um wirklich Interesse zu kreieren, müsste es 1-2 WOW!! Projekte in Deutschland in dem Bereich geben. Sowas wie das Steuerexperiment in GB. Wenn man zeigen kann, dass man damit auch in Deutschland Millionen sparen kann, dann kommt auch das Interesse. Mit grünen Fussstapfen auf der Treppe wird das wahrscheinlich erstmal nichts. Gleichzeitig müssen die Unis das Thema stärker mit aufnehmen.

Wo sehen Sie Behavioral Insights in der DACH-Region in 5 Jahren?


Ich denke, Behavioral Insights werden sich langsam überall durchsetzen. Sich damit zu beschäftigen, wie man es leichter machen kann, dass Menschen gute Entscheidungen treffen, ist kein Thema, das in ein paar Jahren out ist. Nudging oder Behavioral Insights werden Teil der politischen Steuerungsinstrumente. Die Ausgestaltung wird sich sicher etwas ändern, aber viele der Einsichten gibt es in der Forschung seit 50 Jahren und wurden zigfach repliziert, sie müssen nur konsequenter angewendet werden.

Wie schnell das geht, bleibt zu sehen. Ein unkontroverses, grosses Experiment mit beeindruckender Kosteneinsparung würde dabei sicher helfen.