• Christian Zihlmann

Mehr Handdesinfektionen dank Behavioral Insights

In diesem Blogbeitrag beleuchten wir anhand eines Praxisbeispiels aus der Schweiz, wie die Verhaltenswissenschaften zur Zielerreichung von Organisationen beitragen können. In diesem konkreten Fall geht es um die Gesundheit der Mitarbeiter:innen und Besucher:innen einer Supermarktkette. Die wissenschaftliche Grundlage des vorliegenden Beitrags ist eine noch nicht begutachtete und noch unveröffentlichte Studie des Instituts für Organisation und Personal der Universität Bern, die in Zusammenarbeit mit einer Schweizer Supermarktkette durchgeführt wurde. Wir fassen die wichtigsten Eckpfeiler der Studie kurz zusammen und fokussieren insbesondere auf ausgewählte, praxisrelevante Aspekte.


Rückblick in den Juli 2020: Die Schweiz hat soeben die erste Welle der Coronavirus-Pandemie überstanden. Weltweit wird von den Gesundheitsbehörden eine gründliche Handhygiene als eine der wichtigsten Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus eingestuft. Infolge der Vorschriften des BAG werden an den Eingängen zu Supermärkten und anderen Geschäften Dispenser platziert, damit sich die Besucher:innen beim Betreten die Hände desinfizieren können.


Nur tut das nicht jede:r, wie die betreffende Supermarktkette feststellt. Gründe, weshalb einige Leute sich die Hände nicht desinfizieren, gibt es wohl mehrere. Ein plausibler und wissenschaftlich fundierter Grund könnte sein, dass das Lernen neuer Verhaltensmuster schlicht einige Zeit in Anspruch nimmt. Anders ausgedrückt: Die Leute vergessen beim Betreten des Supermarkts schlicht und einfach, Ihre Hände zu desinfizieren, weil sie sich noch nicht daran gewohnt haben. Forschungsergebnisse aus den Verhaltenswissenschaften zeigen, dass Menschen einige Zeit brauchen, um sich neue Gewohnheiten anzueignen.[1]


Kann die Supermarktkette das Einhalten der neuen Hygieneregeln mit Hilfe der Verhaltenswissenschaften fördern? Dieser Frage widmen sich die Forscher:innen der Universität Bern.


Die Forschenden schlagen der Supermarktkette vor, eine randomisierte kontrollierte Studie durchzuführen und als Intervention in der Experimentalgruppe eine lebensgrosse Kartonfigur neben dem Dispenser aufzustellen. Diese Figur hält ein Schild mit den Worten «Ein grosses Danke fürs Hände desinfizieren». Sie soll die Aufmerksamkeit der Supermarktbesucher:innen auf sich ziehen und ihnen dabei helfen, sich an die Handdesinfektion zu erinnern. Ziel dieser Intervention ist es, den Anteil von Personen, die sich am Eingang die Hände desinfizieren, zu erhöhen.


In der Kontrollgruppe wird wie bis anhin keine Kartonfigur neben dem Dispenser aufgestellt. Abbildung 1 veranschaulicht das experimentelle Setting visuell. In verschiedenen Filialen und an verschiedenen Tagen wird daraufhin randomisiert entweder die Kartonfigur neben dem Dispenser aufgestellt (Experimentalgruppe) oder nur der Dispenser ohne Kartonfigur (Kontrollgruppe). Unauffällig zählen Studienmitarbeiter:innen im Hintergrund die Anzahl an Besucher:innen im Supermarkt und erfassen, wie viele sich davon die Hände beim Betreten desinfizieren. Die Stichprobengrösse beträgt 14'152 Besucher:innen.






Abbildung 1: Die linke Seite der Abbildung zeigt die Umgebung der Experimentalgruppe. Neben dem Dispenser mit dem Desinfektionsmittel steht eine Kartonfigur, die ein Plakat mit der Aufschrift «Ein grosses Danke fürs Hände desinfizieren» in den Händen hält. Die rechte Seite der Abbildung zeigt die Kontrollgruppe, wo nur der Dispenser steht, ohne Kartonfigur.



In der Kontrollgruppe (Dispenser ohne Kartonfigur) desinfizieren sich 58.5% der Personen ihre Hände beim Betreten des Supermarkts. Im Durchschnitt unterlassen also rund vier von zehn Personen das Desinfizieren der Hände .


In der Experimentalgruppe (Dispenser mit Kartonfigur) desinfizieren sich 61.8% der Besucher:innen die Hände. Das ist im Vergleich zur Kontrollgruppe ein statistisch signifikanter Unterschied (p<.001). Das Hinstellen einer Kartonfigur erhöht also die Desinfektionsquote um 3.3 Prozentpunkte oder rund 6%. Dieser Effekt erscheint auf den ersten Blick gering, ist praktisch jedoch von grosser Bedeutung. Die Schweiz zählt rund 3.81 Millionen Privathaushalte.[2] Treffen wir folgende vorsichtige Annahme: Pro Haushalt geht nur eine Person nur einmal die Woche in nur ein einziges Geschäft einkaufen. Das Hinstellen der Kartonfigur würde bedeuten, dass sich pro Woche zusätzlich rund 126'000 Personen die Hände desinfizieren, die das ohne Kartonfigur nicht tun würden!


Die Forschenden haben weitere Versionen der Kartonfigur getestet und zusätzlich Umfragen durchgeführt, um mehr über den Mechanismus dieser Verhaltensänderung zu erfahren. Es scheint, dass die Person auf der Kartonfigur attraktiv genug sein muss, um die Aufmerksamkeit der Besucher:innen auf sich zu ziehen und somit die Handdesinfektion zu fördern.


Schlussfolgernd lässt sich also festhalten: Das Hinstellen einer Kartonfigur, die ein «Danke»-Plakat in den Händen hält, kann einen grossen Effekt erzielen und zur Eindämmung des Coronavirus beitragen --- und das zu sehr geringen Kosten.


Dieses Beispiel zeigt, welchen Einfluss verhaltenswissenschaftliche fundierte Interventionen in der Praxis bewirken können.

[1] Arias, A. (2015). Understanding and managing compliance in the nature conservation context. Journal of Environmental Management, 153:134–143. DellaVigna, S. (2009). Psychology and economics: Evidence from the field. Journal of Economic Literature, 47(2):315–72. Rabin, M. (1998). Psychology and economics. Journal of Economic Literature, 36(1):11–46. [2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/710925/umfrage/privathaushalte-in-der-schweiz/